Achim Groth
schrieb am 8. Januar 2026 um 21.35 Uhr
Hey Churchill,
ich wäre gerne zu Deinem Abschied gekommen, aber das Wetter hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Schneemassen im Januar – wann gab es das schon?
Wir haben uns zuletzt Anfang der 90er gesehen. Du wohntest damals in dem kleinen Haus in Dörentrup und gabst eine Party. Leider kann ich mich an den Abend gar nicht mehr erinnern, weiß nicht einmal, ob wir mehr als Smalltalk miteinander redeten. Aber ich stellte Dir Ina vor, meine Frau.
Churchill, Du warst so lange mein Held. Ich war immer neidisch darauf, wie locker Du mit anderen Leuten konntest, was für einen coolen Spitznamen Du hattest. So neidisch, dass ich Dich eine Zeit lang „Karlchen“ nannte (Gott wie peinlich). Ich kann mir gar nicht vorstellen, Dich jemals Gerd genannt zu haben. Du warst immer Churchill. Der Churchill mit den vielen Comic-Heften, der jede Hauptstadt wußte, bei dem es echtes Nutella gab und der so lockere Sprüche riss. Weißt Du noch, wie Schlotthauer immer montags, wenn die Bayern verloren hatten, unbedingt mit einem Rasenmäher Deinen wunderbaren Afrolook stutzen wollte? Du hast Dir nichts anmerken lassen, aber ich tobte innerlich vor Wut.
Und weißt Du noch, dass Frau Bergmeier Monika ihr Okay für unsere Interrail-Tour nur gab, weil Du mit dabei warst? „Na dann kann ja nichts passieren.“ Moni richtet Grüße aus. Sie ist in Costa Rica und kommt erst im März zurück. Diese Interrail-Tour war ein Highlight in meinem Leben. Neulich wohnte ich in Archachon schräg gegenüber der Müllecke, in der wir damals übernachteten (wo am Morgen die Omi kam und uns verwirrt fragte, warum wir nicht im Park 15m weiter geschlafen haben). Danach habe ich uns auf den Marsch nach Biscarosse gelotst. Ich sehe heute noch die endlos gerade Straße durch die Pinienwälder vor mir, spüre die brennende Sonne und den viel zu schweren Rucksack. Ihr habt mich gehasst. Einige Tage später in Cascais hast Du den niedlichen kleinen Skorpion mit dem Kochgeschirr beseitigt. Und dann hatte wir diese irre Party in dem kleinen OpenAir-Theater in Monaco.
Nach der Tour sahen wir uns noch oft bei Thorsten in Hillentrup, trafen uns im Studentenclub oder bei Rainer in dem kleinen Häuschen, welches Du später selbst bezogst. Doch die Wege trennten sich. Du warst mit Jörg in einer anderen Bubble unterwegs. Als ich später nach Berlin bin, riss der Faden ganz ab.
Jörg erzählte mir vor ein paar Jahren, dass es Dir nicht gut ginge und ich Dich mal besuchen sollte. Ich habe mich gedrückt, wollte das tolle Bild von früher nicht trüben, hatte mit eigenen Dämonen genug zu tun. Nun kann ich das nicht mehr nachholen. Das ist sehr traurig. Du wirst immer mein Held bleiben.
Deinen Angehörigen möchte ich mein Mitgefühl ausdrücken. Bewahrt Gerd in Euren Herzen.
Achim